Home → Fördertrends → „Die Perlen der ostdeutschen Wirtschaft brauchen Ruhe und Zeit“

Anpassen

Schriftgröße

Interview

„Die Perlen der ostdeutschen Wirtschaft brauchen Ruhe und Zeit“

Professor Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), über die Erfolge beim Aufbau Ost, die Rolle der Förderbanken und die Chancen der ostdeutschen Wirtschaft in den kommenden Jahren.

Ulrich Blum; Foto: IWHHerr Professor Blum, im September hat das IWH eine Studie über die Entwicklung der ostdeutschen Bundesländer vorgestellt. 1,2 Billionen Euro wurden demnach seit der Wiedervereinigung dort investiert. Ist das Geld gut angelegt?

Definitiv ja. Der Wiederaufbau der Infrastruktur war teuer, aber er hat Ostdeutschland erst wieder wirtschaftlich attraktiv gemacht. Und der Umzug der Hauptstadt zurück nach Berlin war auch nicht gerade billig, aber gut und wichtig. Außerdem konnte im Osten mit Transferleistungen ein Großteil der historischen Gebäudesubstanz gerettet werden – etwas, das in der alten Bundesrepublik bei weitem nicht so gut gelungen ist.

Wie wichtig war dabei die Unterstützung der staatlichen Förderbanken?

Sehr wichtig. Speziell die Stadterneuerung im Osten wäre ohne KfW-Mittel nicht so erfolgreich gewesen. Das ist doch eine tolle Geschichte: Ein Teil des Geldes kam aus dem ERP-Sondervermögen. Wenn man so will, ist der Osten so 50 Jahre nach dem Westen auch noch in den Genuss der Mittel aus dem ehemaligen Marshallplan gekommen.

Trotzdem wird Ostdeutschland mindestens noch zehn Jahre brauchen, um den Rückstand aufzuholen. Warum?

Vor allem weil große Unternehmen und Konzernzentralen fehlen. 90 Prozent der Arbeitsplätze in den neuen Bundesländern entfallen auf kleine und mittlere Unternehmen. Das war jetzt in der Finanz- und Wirtschaftskrise zwar ein Vorteil – weil sie flexibler und nicht so exportabhängig sind, wie große Konzerne –, ist aber keine Zierde. Denn eine Volkswirtschaft braucht auch die großen Unternehmen. Das ist eine ganz einfache Rechnung: Weniger Konzerne bedeuten weniger Führungskräfte und hoch qualifizierte Jobs, weniger Steuereinnahmen, ein geringeres Durchschnittseinkommen, weniger Kaufkraft und so weiter.

Und wie wollen Sie Konzerne aus dem Westen nach Berlin, Dresden und Leipzig locken?

Das wird nicht funktionieren. Deshalb gibt es nur die zweite Möglichkeit: dass innovative mittelständische Unternehmen vor Ort langsam groß werden. Aber das geht nur, wenn man sie lässt. SAP konnte in den 80er und 90er Jahren doch auch nur wachsen, weil es nie übernommen wurde. Vielen kleinen ostdeutschen Weltmarktführern im Spezialmaschinenbau oder in der Solarindustrie ergeht es heute leider anders – sie werden von westdeutschen Konzernen aufgekauft, das Management wandert in den Westen und der Osten bleibt mit den Produktionsstätten nichts weiter als die verlängerte Werkbank. Die Perlen der ostdeutschen Wirtschaft brauchen Ruhe und Zeit.

Zeit ist ein gutes Stichwort: Was wird im Jahr 2019 in einer Untersuchung stehen, die das IWH zum 30. Jahrestag des Mauerfalls herausgibt?

Ganz sicher, dass ein Trend, den wir heute schon beobachten, sich noch weiter verstärkt hat: Das wirtschaftliche Ost-West-Gefälle weicht einem Nord-Süd-Gefälle. Das heißt, die Wirtschaftskraft Deutschlands wird sich vor allem in Mittel- und Süddeutschland konzentrieren. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden dann durch Branchen wie Optik, erneuerbare Energien und Spezialmaschinenbau mindestens auf dem gleichen Einkommensniveau sein wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Für Mecklenburg-Vorpommern sehe ich besonders im Tourismus Chancen. Brandenburg kann die Lage um Berlin weiter nutzen – und sein Potenzial hängt davon ab, wie es Berlin gelingt, seine Hauptstadtrolle auch ökonomisch zu begreifen.

Esssay

Eine unglaubliche Aufbauleistung

Porträtfoto von Dr. Ulrich Schröder; Foto: KfW

Dr. Ulrich Schröder, Vorstandssprecher der KfW Bankengruppe,

über den 20. Jahrestag des Mauerfalls und die Leistungen der KfW beim Aufbau Ost. [Essay lesen]

Auf einen Blick

Erfolgreiche Bilanz

  • Die KfW hat mehr als 161 Milliarden Euro für den Aufbau Ost zur Verfügung gestellt.
  • Mit 82 Milliarden Euro unterstützte die KfW Gründer und Unternehmer.
  • 4,3 Millionen Wohneinheiten, insgesamt 61 Prozent aller Häuser und Wohnungen in Ostdeutschland, wurden mit KfW-Mitteln saniert.
  • Mehr als die Hälfte der gesamten Investitionen in Abwassernetze und Kläranlagen in den neuen Bundesländern finanzierte die KfW.

Mehr zum Thema

Arbeitgeber Mittelstand

Vom 9. Februar 1972, dem Tag, an dem die SED die letzten 11.000 Bauunternehmen, Industrie- und Handwerksbetriebe zwangsenteignete, hat sich die DDR-Wirtschaft bis zur Wende nie erholt. Nur vier Prozent der Beschäftigten dort arbeiteten 1989 in Privatunternehmen. Einen Mittelstand wie in Westdeutschland, flexible und innovative Unternehmen, gab es nicht. Die Förderung von Existenzgründungen und die Finanzierung von privatisierten Betrieben gehörten deshalb zu den wichtigsten Aufgaben der KfW beim Aufbau Ost. Das Ergebnis: Heute beschäftigen kleine und mittlere Unternehmen rund 90 Prozent der Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern. Allein durch die Förderung der KfW konnten mehrere Millionen Jobs geschaffen werden.

 

Service

Newsletter KfW-Chancen

Möchten Sie aktuell über Trends in der Förderung von Mittelstand, Umweltschutz, Bildung und in der Entwicklungszusammenarbeit informiert werden? Der Newsletter KfW-Chancen hält Sie auf dem Laufenden. Einfach hier abonnieren!


 

Publikationen der KfW

Wenn Sie mehr über die Aktivitäten der KfW wissen wollen, finden Sie eine umfangreiche Sammlung von Publikationen im Download-Center auf der Website der KfW Bankengruppe. Nachlesen und herunterladen können Sie dort unter anderem das Gesetz und die Satzung der KfW Bankengruppe, aktuelle Geschäfts- und Finanzberichte, zahlreiche Fachpublikationen sowie umfangreiche volkswirtschaftliche Forschungsergebnisse.

[Zum Download-Center]

Podcasts

KfW-Infos als Podcast

Nützliche Informationen zu den Angeboten der KfW Bankengruppe können Sie jetzt auch als Podcast direkt im Internet anhören, herunterladen oder mit der Software Ihrer Wahl abonnieren. Die Audiobeiträge bieten viele wertvolle Tipps rund um das Thema Finanzen – wenn Sie wollen, sogar im Abo und selbstverständlich kostenfrei.

 
Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System