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Kraftvolle Abfälle
Abfall auf die Deponie – das war gestern. Der unabhängige Freiburger Energieversorger GWE versorgt im rheinland-pfälzischen Andernach das größte Weißblechwerk der Welt mit Wärme und Strom aus aufbereiteten Gewerbe- und Siedlungsabfällen.

Der riesige Bunker ist voll mit Abfällen. Stoffreste und Plastiktüten, Joghurtbecher und Milchtüten, klein geschreddert auf einem großen Haufen. Im Kontrollraum über dem Bunker steuert Kranführer Roland Früh den Greifarm seines Krans über den Berg, krallt sich eine Portion der gehäckselten Reststoffe und befördert sie in den 20 Meter hohen Kessel. Dort wird sie bei 1.100 Grad verbrannt und erzeugt Hochdruckdampf, der in einer Turbine zu Strom umgewandelt beziehungsweise als Prozessdampf an den Abnehmer geliefert wird.
Brennwert wie Braunkohle
Abfall ist im Industrieheizkraftwerk der Freiburger GWE Gesellschaft für wirtschaftliche Energieversorgung mbH ein wertvoller Rohstoff. Der Technische Leiter Rolf Ebert spricht daher auch lieber von „Ersatzbrennstoffen“ (EBS): „Die Abfälle werden nach ihrem Brennwert sortiert, getrocknet, zerkleinert und uns anschließend als Brennstoff zur Verfügung gestellt.“ Ihr Energiegehalt entspricht in etwa dem von Braunkohle. Energie, die die GWE im rheinland-pfälzischen Andernach nutzt, um das größte Weißblechwerk der Welt mit Wärme und Strom zu versorgen. Mehr als 2.300 Mitarbeiter der ThyssenKrupp-Tochter Rasselstein GmbH produzieren hier pro Jahr rund 1,4 Millionen Tonnen Weißblech, etwa für Getränke- und Konservendosen.

Beide Unternehmen profitieren von der Zusammenarbeit. Das alte Kraftwerk der Rasselstein GmbH aus dem Jahr 1960 musste dringend erneuert werden. Eine technische Großinvestition, die erhebliche Mittel gebunden hätte. Durch die Zusammenarbeit mit der GWE musste Rasselstein jedoch nicht selbst in ein neues Kraftwerk investieren. Das Unternehmen kann das entsprechende Geld anderweitig investieren, hat aber dennoch eine moderne und zukunftsfähige Lösung gefunden, um auf kostengünstige und umweltschonende Weise Energie zu erzeugen. Denn Rasselstein ist durch den Ersatzbrennstoff unabhängig von den starken Preisschwankungen bei Öl, Gas und Kohle. Dafür sorgt die GWE. Sie hat auf dem Rasselstein-Gelände für rund 80 Millionen Euro ein Industrieheizkraftwerk mit einer Leistung von rund 120 Megawatt gebaut – und konnte in dem Projekt ihr gesamtes Know-how in der neuen Technik umsetzen. Auf diese Weise haben die Ingenieure ein Vorzeigekraftwerk errichtet, das zudem dank Rasselstein keinerlei Auslastungsprobleme hat. Gerade diese Contracting-Lösung macht das Projekt in Andernach wirklich einzigartig. Das Kraftwerk ist komplett in den Industriebetrieb integriert. Es generiert Strom, es recycelt Öl und Schlamm aus der Weißblechproduktion, es bereitet Wasser für den Produktionsprozess auf, und es erzeugt vor allem Dampf. Viel Dampf. Rund 340.000 Tonnen pro Jahr, außerdem knapp 100 Millionen Kilowattstunden Strom.
Kosten unter Null
In einem Nebenraum des Kraftwerks steht ein zweiter Kessel. Falls der EBS-Brenner ausfällt oder gewartet werden muss, wird der nötige Dampf mit einem Erdgassystem erzeugt. „Für mich klingt der Erdgasbrenner so, als ob Geldscheine verbrannt werden“, sagt der Technische Leiter Ebert. „Anders als Erdgas verursachen Ersatzbrennstoffe nämlich keine Kosten.“ Mehr noch, sie werden sogar bezuschusst. Grund dafür ist das Deponierungsverbot. Seit Juni 2005 dürfen Abfälle mit einem Organikanteil von mehr als fünf Prozent nicht mehr deponiert werden. Die kommunalen Entsorgungsunternehmen mussten daher schnell nach einer Lösung für ihr Abfallproblem suchen – und zumindest einige haben sie im Andernacher Kraftwerk gefunden.
