20 Jahre Aufbau Ost
Kredit aus der Hotelsuite
Wie baut man ein Land wieder auf, das 40 Jahre Planwirtschaft hinter sich hat? Mit Geld, Geduld und guten Ideen. Eine Bilanz zum 20. Jahrestag des Mauerfalls.

Es war eine Nachricht, die das Leben vieler Menschen veränderte: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt“, verkündete Günter Schabowski am 9. November 1989 auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin, die live im DDR-Fernsehen übertragen wurde. Was folgte, ist Geschichte: Der Fall der Berliner Mauer, die Wiedervereinigung des geteilten Deutschland und eine großartige Aufbauleistung.
Eine neue Aufgabe
Zu den maßgeblichen Akteuren des Aufbaus gehörte auch die KfW – die Kreditanstalt für Wiederaufbau. „Ein paar Jahre vor der Wende gab es innerhalb der Bank Überlegungen, sie umzubenennen. Das Wort Wiederaufbau erschien nicht mehr zeitgemäß“, erinnert sich Werner Genter, heute Direktor der KfW
Bankengruppe in Berlin. Nach dem Fall der Mauer war klar: Der Name bleibt, denn die Bank würde beim Wiederaufbau gefordert sein. Seitdem hat sie mehr als 161 Milliarden Euro für den Aufbau Ost zur Verfügung gestellt – etwa um Straßen und Städte zu sanieren, um kleine, aufstrebende Unternehmen zu fördern oder um ökologische Altlasten von Industrie und Tagebau zu beseitigen. „Das Geld ist gut angelegt“, sagt Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle an der Saale (IWH). Er hat die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands wissenschaftlich begleitet. Und auch wenn es noch immer Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern gibt, ist der Aufbau Ost eine Erfolgsgeschichte: Die Wirtschaftsleistung im Osten hat sich verdreifacht, die Exportleistung ist gestiegen, es gibt wieder einen gesunden Mittelstand und Straßen, Schienen, Kommunikationsnetze und Kläranlagen sind in weiten Teilen moderner als in Westdeutschland.
Schnell und unbürokratisch
Bereits im November 1989 entwickelten die KfW und die Deutsche Ausgleichsbank, die 2003 zur KfW Bankengruppe fusionierten, erste Ansätze, um vor allem kleinen und mittleren Unternehmen in Ostdeutschland zu helfen. „Es war eines unserer Hauptziele, einen leistungsfähigen Mittelstand aufzubauen“, sagt Dr. Ulrich Schröder, Vorstandsvorsitzender der KfW Bankengruppe. Heute stellen kleine und mittlere Unternehmen 90 Prozent der Arbeitsplätze in den neuen Bundesländern. „Mit viel Enthusiasmus und Eigeninitiative haben sich die Menschen im Osten mit unserer Beratung und finanziellen Hilfe auf das Abenteuer Unternehmertum eingelassen – mit Erfolg“, so Schröder weiter.

Das kann auch Michael Marin, heute Abteilungsleiter bei der KfW, bestätigen. Als Mitglied einer Task-Force für den Aufbau Ost erlebte er im Februar 1990 einen der kuriosesten Momente seines Berufslebens: Ausgerechnet am Rosenmontag standen Wolfgang Neustadt und Hans-Jürgen Hentzschel mit ihrem alten, russischen Wolga auf dem Parkplatz der Bank in Bonn. Mehr als acht Stunden hatte ihre nächtliche Reise vom brandenburgischen Hohenleipisch an den Rhein gedauert. An alles hatten sie gedacht: Reservebenzin, Straßenkarten und die Anträge für ihre Existenzgründerdarlehen. Nur an eines nicht: Dass der Rosenmontag im Rheinland der wohl ungünstigste Tag ist, um persönlich ihre Kreditanträge einzureichen. Aber sie hatten Glück. „Der Pförtner rief mich zu Hause an und eine halbe Stunde später war ich da“, sagt Marin, der die zwei Existenzgründer erst mal zum Frühstück einlud. Und so waren sie wenig später die ersten Kreditnehmer aus Ostdeutschland. Neustadt gründete ein Bauunternehmen, Hentzschel reprivatisierte das zu DDR-Zeiten verstaatlichte Betonwerk seines Großvaters. Beide Unternehmer sind bis heute erfolgreich.

